EINE KLEINE KLEINSTADT

 

-Na Schlammmann, wie geht es dir in deinem Element?
Gut.
-Neuigkeiten?
Heute habe ich eine Stadt gesehen deren Grundriss die Form eines Schuhes hatte. Sie war nicht größer als ein Schuh.                                  - Eine kleine Käferstadt?                                                                                     Nein. Es lebten 3500 Menschen darin.
-Wie?
Es gab einen Baumarkt mit großem Parkplatz. Es gab einen LIDL und einen Aldi. Es gab zwei Kirchen und eine kleine Moschee direkt neben dem Baumarkt. Es gab ein Freibad mit Erlebnisrutsche. Es gab einen Fußballplatz auf dem ein Spiel in neonfarbenen Trikots stattfand. Ich habe eine Übung der freiwilligen Feuerwehr dieser Stadt gesehen. Es gab einen Hundedressurplatz, einen Schießplatz, zwei Schrebergarten-kolonien.  Es gab ein Rathaus und drei Schulen, aber ohne Kinder auf den Schulhöfen, es muss Wochenende gewesen sein.
-Und alles so groß wie ein Schuh?
Ja.                                                                                                                             - Hast du lange zugesehen?
Nein. Ich habe sehr bald eine herumliegende Waschbetonplatte genommen und auf diese Stadt gelegt.
-Wie bitte?
Ja. Ich habe mich auf die Platte gestellt und gelauscht.
-Und?
Nichts, keine Schreie, kein Blut, keine Reaktionen, wirklich absolut nichts.
-Und dann?
Bin ich weitergegangen.
-Einfach so?
Einfach so.

 

 

ALLTAG

- Was siehst Du?

Häuser mit Buchstaben, Großfotos, Schaufenstern, schweigende Menschenmassen mit Tüten und Kindern an den Händen.

- Kannst Du erkennen was in den Tüten ist?

Nein.

- Und die Menschen?

Sie sehen sich alle sehr ähnlich.

- Wie ähnlich?

Sehr ähnlich.

- Sind sie ganz gleich?

Irgendwie schon.

- Gibt es Unterschiede?

Nur im Geschlecht und im Alter.

- Und die Tüten?

Davon sehe ich zur Zeit sechs bis zwölf mit gleicher Farbe und den selben Firmenaufdrucken.

- Was machen die Kinder?

Sie lecken an einem Eis.

- Alle lecken Eis?

Ja.

- Wo könnte das deiner Meinung nach sein?

In einer Kleinstadt

- In Deutschland?

Ja in Deutschland im Sommer in einer Fussgängerzone.

- Erkennst du um welche Stadt es sich handelt.

Nein, es sieht aus wie überall.

- Wie überall?

Ja, es sind die gleichen Verbundsteine über die die selben Menschen mit den sechs bis zwölf verschiedenen Tüten laufen, so wie überall. es sind die selben Geschäfte, so wie überall, die selben Waren in den selben Regalen, die selben Preise, die selben Verkäuferinnen, mit den selben Parfüms und der selben Reizunterwäsche mit den immergleichen Verschleißerscheinungen am Gummizug. Diese Verkäuferinnen haben alle die selben Männer, mit denen sie sich jeden Abend die selben Fernsehprogramme anschauen um dann den Geschlechtsverkehr in immer der selben Weise vollziehen um sich anschließend im Badezimmer das bisschen Sperma abzuwischen, für das es sich nicht gelohnt hat aufzustehen. Aber sie alle müssen raus aus dem Bett um etwas dazwischen zu bringen zwischen sich und die abschließende Traurigkeit, die kommt, wenn die selben Verkäuferin-nen wieder mit all ihren Männern zusammen nebeneinander im Bett liegen und den selben Traum träumen:

von Häusern mit Buchstaben, von Großfotos, von Schaufenstern, von lauten Menschenmassen die sich erst hinter ihren Rücken zusammenrotten um dann auf die Verkäuferinnen zu zudrängen. Diese tütentragenden Menschenmassen mit eisleckenden Kindern an den Händen, die sich über den Verkäuferinnen schließlich auftürmen, die immer weiter hinzuströmen und unaufhaltsam getrieben sind von dem inneren Verlangen den Verkäuferinnen zu erklären , dass sie alle 

die Verkäuferinnen auf immer lieben werden.

 

AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG

- Was siehst du?
Ich sehe eine Ausstellungseröffnung in einer Kunstgalerie.
- Gute Kunst?
Soviel ich sehen kann geht es ausschließlich um den Holocaust – Bilder von Konzentrationslagern, Öfen, Leichenberge, KZ- Kleidung.
- Sind viele Besucher dort?
Ja, sehr viele – die Galerie ist überfüllt ... niemand steht vor der Tür.
- Und was machen die Besucher so dicht gedrängt – sind sie betroffen? Diskutieren sie?
Nein ... ich sehe, dass sich alle küssen und zwar sehr scheu mit Zungenkuss.
- Zungenkuss?
Ja – ich weiss nicht wieso, aber alle küssen sich mit offenen Mündern und mit den Zungen, ohne sich zu umarmen.
- Hat der Künstler sie dazu aufgefordert?
Das weiß ich nicht
-Wollen sie vom Thema ablenken?
Kann sein ... aber es mutet auch sehr einvernehmlich an – es ist ein imposantes Bild ... und vielleicht sind die Besucher letztendlich nur froh, dass sie überleben, - vielleicht haben sie zum ersten mal erkannt, dass nicht nur die maschinelle Vernichtung oder Versklavung des Anderen seit Jahrtausenden weltweit menschlich ist, sondern auch, dass die Überwindung der Angst vor dem Anderen durch Annäherung und intime Berührung ebenso menschlich sein könnte.                                                        -...oder sie wollen, statt Kunst zu konsumieren, ihr eigenes kleines Leben ab heute zu einem selbstbestimmten Kunstwerk machen?!

 

 

EUPHORIE

Was siehst du, wo bist du?

Ich bin in den dunklen afrikanischen Schlammschichten und sehe auf eine Straßenkreuzung mit viel Verkehr. Es ist ein munteres mittägliches Treiben in einer Großstadt.

Wo genau?

Das kann ich dir nicht sagen. Ich stehe mit dem Rücken zu einem modernen Museum in dem gerade meine Arbeit zensiert wurde.

Warum wurdest du zensiert.

Ich malte viele kleine Bilder mit Menschen die OrangUtanbabyköpfen haben - unter anderem auch vier Schwarze und eine Weisse mit ANC Tatoo an der Hüfte - das war ihnen zu rassistisch.

Verständlich.

Egal -neben mir stehen drei Jugendliche, rauchen und trinken - einer hat ein Doggy-bag in der Hand …

Was ist daran so besonders?

Sie lachen und scherzen, das es eine Freude ist.

Kannst du verstehen worüber sie scherzen.

Nein - aber eben halten zwei prallgefüllte Busse mit jungen Mädchen in Schuluniform an der Kreuzung und alle blicken zu uns hinüber - sie springen wie von der Tarantel gestochen plötzlich auf, rennen zu den geöffneten Fenster und kreischen in unüberbietbarer Lautstärke in unsere Richtung.

Warum?

Sie kreischen immer lauter, sie springen und toben in den Bussen, so dass die Fahrzeuge zu wackeln beginnen - sie schreien ekstatisch einen Namen den ich nicht verstehe - der Junge Mann mit dem Doggy Bag löst sich aus der Gruppe und geht winkend über die Strasse. Die Mädchen drehen nun, als der junge Mann lässig an den Bussen vorüber schlendert, vollends durch - sie bringen die großen Busse fast zum umkippen - reißen ihre Blusen hoch und ziehen sich selbst an den geglätteten Haaren wirbelnd in die Höhe, wodurch der eine Bus die Bodenhaftung verliert und wie ein Zeppelin aus der Strassenflucht in die Wolken davon schwebt … angetrieben von vollkommen entrückten schwarzen Engeln.

Das klingt sehr unwahrscheinlich.

Aber so ist das eben hier passiert.

Und was genau fühlst du dabei.

Mein zensiertes Herz ist jubelnd mitgeflogen. 

ZEIT 1

-Was siehst Du?                                                                          

Ich sehe das Ende eines Marathonlaufes in einer Metropole. Es sind 20.000 Läufer am Start.                                                                          

 - Welche Metropole?                                                                        

 Das weiß ich nicht. Ich sehe nur den Zielkorridor. Es stehen Helikopter in der Luft. Die Zuschauer auf den Tribünen sind aufgesprungen, man erwartet jeden Moment den Siegläufer und einen atemberaubend neuen Weltrekord. Da kommt der Sieger ins Bild - nur noch wenige Meter … das wird ein neuer Fabelweltrekord …                                                                       - Und?                                                                                             

Der vermeintliche Sieger bleibt kurz vor dem Ziel stehen.                      

- Wieso?                                                                                              

Das kann ich nicht erkennen. Er steht vor dem Zielband.                              

- Warum macht er so etwas? Will er protestieren? Ist es ein Afrikaner?        Es ist ein Schwarzer. Auch die vermeintlich Zweiten und Dritten kommen jetzt an. Sie bleiben verwundert stehen.                                                      

- Warum?                                                                                                

Sie spüren, dass das ein besonderer Moment ist.                                       

- Und die nach ihnen Kommenden, die Schlechteren. Was ist mit ihnen?       Sie laufen einfach durchs Ziel

 

ZEIT 2

-Du hast im Schlamm mit einer Frau geschlafen?

Ja.

-Und?

Die Frau hat mir vom ersten Augenblick an, als ich in sie eindrang von ihrer Vision erzählt. Sie sagte, immer wenn sie Sex hat, sieht sie sich als eine mit der Zeit wandelnde Dünenlandschaft. Es sei eine Dünenlandschaft mit Gräsern und Sand und Menschen darin. Die Menschen wandeln immer die selben Pfade. Mit den Jahren fallen einige dieser Menschen um und bleiben liegen. An der Stelle, an der die Umgefallenen liegen bleiben, bilden sich Löcher durch die erst die Umgefallenen und anschließend der Sand unaufhörlich ins Innere der Düne rieselt. So werden die Dünen mit den Jahren flacher. Die Trampelpfade der in den Dünen Wandelnden bilden Furchen wie entleerte Adern unter unserer Haut. Jetzt wo die Frau, nach eigenen Aussagen ein halbes Jahrhundert alt sein soll, gibt es mehr Löcher als Menschen in ihrer Dünenlandschaft.

-Die Frau ist die Hälfte einer Art Eieruhr?

Ja, aber ohne Glas und um sie herum ist Wasser, das, ihren Berichten zufolge zunehmend faulig riecht.

- Und der Sand?

Der verbliebene Sand bleibt absolut fein und weiß, und wenn die Sonne darauf scheint, sagt sie, erwärmt sich der Sand so angenehm, das man sich wünscht darin mit Haut und Haar zu verschwinden.

 

 

FORTSCHRITTLICHE

Heute war ich nicht im Schlamm und es war herrlich!                                   - Wieso, war dir langweilig in deinem schönen Schlamm?               

Nein, ich hatte von den Flüchtlingsströmen bei euch gehört – dieser enormen Völkerwanderung - da bin ich mal hoch zu Euch an die Oberfläche.                                                                                             

- ... und wo warst du?                                                                           

Ich war in Goslar, einer deutschen Kleinstadt zusammen mit zwei aus Eritrea geflohenen Mädchen ... 17 und 20 Jahre alt.                            

- Wie haben die Mädchen es geschafft nach Goslar zu kommen?                     Na ja – auf dem Land und Seeweg – acht Monate waren sie unterwegs und nun sind sie glucklich – die ersten deutschen Worte die sie gelernt haben – vollkommen und glucklich.                                                                   - Warum sind sie so glucklich?                                                         

Weil sie von morgens bis abends lachen müssen. Sie lachten über Menschen mit pinkelnden Hunden an der Leine, Spielplätze für Kinder, blitzblanke Autos, Räume in denen Männer und Frauen auf der Stelle treten und rhythmisch schweres Metall in die Luft stemmen …                       - und natürlich Rolltreppen…?                                                         

Nein, das finden sie wunderbar und fahren damit auf und nieder ... aber das Allerlustigste war für sie, als ich ihnen meine Galerie zeigte, wo ein abstrakter Künstler seine wilden Farbräusche ausstellte, da sind sie schier ohnmächtig geworden vor Lachen, als sie erfuhren, dass man hier für so ein buntes Rechteck mehr Geld ausgibt als für hundert Ziegen ... und es sich zu Hause auch noch an die Wand hängt ... da konnte ich sie nicht mehr beruhigen ... solche Galerien finden sie am allerallerallerlustigsten ... sie wollten noch mehr sehen – aber da gab es in Goslar nicht viel mehr. So sind wir zurück ins Camp, wo sie immer noch weiter lachten und auch den Anderen ganz aufgeregt von der Kunst berichteten, denn durch diese Kunst schien ihnen allen ein einfaches Überleben in diesem neuen Land gesichert und ab heute absolut kein Problem mehr zu sein.                                                                               - War dir das als Künstler nicht peinlich? Konntest du sie über ihren Trugschluss aufklären?                                                             Nö, wieso?Manchmal kann ich ebenso über all das lachen: Hunde an der Leine und abstrakte …rein ästhetische,… über Kunst ... aber so herzlich und vollkommen frei, wie diese beiden wunderschönen Menschen kann ich das natürlich nicht mehr, dazu war ich hier zulange am selben Fleck… und was das einfache Überleben angeht, da saß ich bei euch an der Oberfläche oft genug dem selben Trugschluss auf.​

 

 

ZWEI HERZEN

Laos aus Prag war sich als kleiner Junge ganz sicher, dass er zwei Herzen in seiner Brust hatte. Er spürte beide Herzen ganz deutlich schlagen.
Es war sein großes Geheimnis.
Als er etwa sieben Jahre alt war, wurde der kleine Laos schwer krank und man vermutete Tuberkulose, sodass er zum Röntgen in ein Krankenhaus gebracht wurde.

„Nun wird man mein Geheimnis ganz sicher entdecken“, dachte der kleine Junge, als er aus dem Röntgenraum herauskam und vor dem Tisch des Oberarztes Platz nahm.
Doch als der Arzt mit besorgtem Gesicht die Röntgenbilder der entzündeten Lungenspitzen begutachtete, waren keine zwei Herzen zu erkennen.

„Nicht einmal ein noch so moderner Röntgenapparat kann mein Geheimnis entdecken“, dachte der kleine Laos, war glücklich und wieder ganz er selbst.